1995/96 Indien

Mein erster Indien-Besuch dauerte sieben Wochen. Es gab keine Möglichkeit emails zu schreiben, wohl aber im Anschluss eine Zusammenfassung:

Indien - Eigentlich ein Kontinent

Eigentlich ein Kontinent

Die Sängerin Lata Mangeshkar ist sehr produktiv: es gibt von ihr über 30.000 Songs in rund 20 Sprachen.

Dieses Beispiel ist bezeichnend für ein Land, welches fast ein Milliarde Einwohner zählt, vom Norden zum Süden wie von Westen zum Osten je 3000 km misst (entspricht ca. Barcelona- Moskau) und in Asien liegt. - Nein, nicht China ist gemeint, sondern Indien.

Woran denken wir, wenn wir Indien hören? Taj Mahal, Lepra, Ganges, Kalkutta, Darjeeling, Bombay, Hindu, Guru, Kaschmir, Delhi, Sikhs, heilige Kühe, Maharadschas, Elend, Tee, Atommacht, Mahatma Ghandi, Eisenbahn, goldener Tempel, Turban, Bevölkerungsexplosion, Mutter Teresa, Programmierer, Raumfahrt, Neru, Kama Sutra...

Eigentlich recht viel für ein Land, das für uns meist nur irgendein asiatisches Entwicklungsland darstellt.

Jetzt, nach sieben Wochen Indien, könnte ich zu fast jedem Stichwort etwas schreiben; und noch so einiges mehr. Indien ist umwerfend vielseitig, anstrengend fremdartig, verwirrend freundlich,... - Nein, ich gebe es auf; denn Indien ist eigentlich unbeschreibar! Es gibt ohnehin nicht DAS Indien sondern viele Indien!

Dabei hatten wir (ich reiste mit einem Freund) nur einen winzigen Teil gesehen. Im Dezember 95 und Januar 1996 ging es von der Thar-Wueste an der Grenze zu Pakistan, zu den Städten Orissas und über Varanasi zurück nach Delhi.

Zwischen Pakistan und New Delhi

Agra, Jaipur, Bikaner, Jaisalmer, Jodhpur, Ranakpur, Udaipur

Für die ersten beiden Wochen nahmen wir uns in Delhi einen Mietwagen mit Fahrer um Rajasthan zu erkunden. Aber zunächst bestaunten wir in Agra eines der bekanntesten Bauwerke der Erde: das Taj Mahal (sprich: Tadsch Ma-hall). Majestätisch erhebt es sich in den Himmel. Im Laufe des Tages wechselt der opake Marmor mit dem Tageslicht seine Farbe. Leider laden hunderte von Touristen und Dutzende von Händlern nicht gerade dazu ein, dort entsprechend lange zu verweilen.

Ich habe die Palastbesichtigungen der folgenden Tage nicht gezählt. Irgendwann war ich gesättigt. Die Paläste sind meistens Wohn- und Regierungsüberbleibsel der Zeit der Moguln und Maharadschas zwischen 1527 und der Unabhängigkeit 1947. Sehenswert sind sie alle. Mal beeindruckt die Größe oder die Lage, ein anderes Mal ist es die Ausstattung. So findet sich italienischer Marmor, böhmische Gläser, japanisches Porzellan, brasilianische Edelsteine oder afrikanisches Hartholz verarbeitet von einer ebenso internationalen Schar an Handwerkern und Künstlern. - Ludwig II wäre blass geworden.

Die ersten Tage waren auch lernen und orientieren: Was kann man essen? Alles, aber sehr scharf! - Wo war doch gleich unser Hotel? Einfach fragen, Inder sind hilfsbereit. - Wie bekommen wir die großen Geldscheine gewechselt? Schwierig. - Wann (und wo) sollte man die Schuhe ausziehen? Z.B. immer beim Betreten eines Hindu-Heiligtums. - Warum werden wir immer wieder über den Tisch gezogen? Tja, Touri!

Weiter im Westen von Rajasthan beginnt die Thar-Wueste, deren größter Teil in Pakistan liegt. Als Perle dieser überwiegenden Geröllwüste bezeichne ich Jaisalmer. Nichts in Indien lässt sich mit diesem 40.000 Einwohner Städtchen vergleichen. Man glaubt sich ins mittelalterliche Afghanistan versetzt. Auf einem 80m hohen Hügel thront das Fort mit seinen 99 Bollwerken und engen Gassen. Strassenhändler und kleine Geschäfte sorgen für ein buntes Treiben. Und bei Sonnenuntergang bildet der Sandstein mit seinem prächtigen Farbenspektakel einen romantischen Tagesabschluss.

Es ist empfehlenswert, sich hier den Lebensraum Wüste auf einer mehrtägigen Kameltour zu erschliessen. Keine Angst vor Rückenschmerzen: es sind richtige Sättel vorhanden.

Am Golf von Bengalen

Bhubaneswar, Cuttack, Konark, Puri

Wieder in Delhi angekommen, fuhren wir mit einem Expresszug die 2200 km nach Bhubaneswar (500 km südlich von Kalkutta) in 34 Stunden.

Zugfahren ist ein MUSS für alle Indienbesucher! - Da beeindruckt einmal die Größe: 1.600.000 Angestellte sorgen dafür, dass täglich über 9.000.000 Fahrgäste in 11.000 Züge an den 7.000 Bahnhöfen ankommen. Dann die verwirrende Vielfalt an Klassen: obwohl eigentlich nur 1. und 2. Klasse, gibt es 7 Kategorien im Fernverkehr und 3 im Nahverkehr. Die preiswerteste 2. Klasse (6 DM für 2000 km) sorgt dabei für die berühmten Bilder von überfüllten Zügen; ein "Vergnügen"welches wir uns auf einer Kurzstrecke angetan haben. - Aber wenn man erstmal ein passendes Ticket hat (kann an mehreren Tagen einige Stunden Schlange stehen bedeuten) dann ist es eine zuverlässige, sichere und bequeme Art zu reisen.

In Bhubaneswar besuchten wir einen französischen Lepra-Chirugen. Wir wurden herzlich aufgenommen, so daß wir Weihnachten (welches in Indien nur von den wenigen Christen gefeiert wird) nicht vermißten. Es war hochinteressant (aber hart) dem Arzt mit seinen Helfern im täglichen. Leben zu begleiten: Betreuung von 15 Jungen in seinem Haus, Operationen im Krankenhaus, Verbandswechsel bei der Visite im Lepradorf usw. - Lepra ist in Indien auch heute noch eine fürchterliche Krankheit: man verfault am lebendigen Leibe, mit tiefen Geschwüren, schrecklich verstümmelte Hände, Füsse und Gesichter sind die Folgen, dazu werden die Betroffenen rigoros aus der Gesellschaft ausgestossen.

Die Jahreswende verbrachten wir in Puri. Dieser Ort ist wie Goa ein Magnet für Rucksacktouristen. Ein Tagesausflug per Moped führte uns nach Konark.

Der indische Verkehr ist selbst für Fahrer mit Paris- oder Rom-Erfahrung ungewöhnlich schlimm. Die Fernstrassen sind voll, die Straßen sind mässig bis schlecht, Autobahnen sind unbekannt, es gilt ohne Ausnahme das Recht des Stärkeren und der Linksverkehr gibt einem den Rest. Wir kannten aus den ersten zwei Wochen die Schwierigkeiten, welche dazu führten, daß unser Berufsfahrer am Tag nur ca. 250 km bis 300 km weit kam. Jetzt, als Mopedfahrer, waren wir ein Nichts. Im Klartext: beim Ertönen einer Hupe SOFORT von der Straße runter, dann erst bremsen, aufstehen, umschauen und weiterfahren. Natürlich fährt man dann auch nicht schneller als man bereit ist ins nächste Gebüsch zu fahren. - Trotzdem überlege ich, beim nächsten Mal Indien per Motorrad zu entdecken.

Sylvester war trostlos: ein Hauch Feuerwerk, gähnende Stimmung in den Kneipen und am Strand lagen "versteinerte" Touris.

Auf dem Weg zurück

Varanasi, Satna, Khajuraho, Fatehpur Sikri, Delhi

Wir waren froh als es nach einer Woche weiter ging. Es erwartete uns eine der heiligsten Städte am heiligen Ganges: Varanasi, die Stadt der Ewigkeit.

Für mich ist sie die beeindruckendste Stadt Indiens! Die Altstadt, direkt bis an/in den Fluss gebaut, erinnerte mich an arabische Medinas: selbst bei Sonnenschein ist es in den engen verwinkelten Gassen mit den hohen Häusern dunkel. Täglich nehmen abertausende von Pilger ihr rituelles Bad im Ganges. Die Hauptstrassen sind mit Fahrrädern und Rikschas verstopft. Am Flußufer werden die Toten "öffentlich" verbrannt. Und Leute aus allen Gegenden Indiens bilden ein buntes Bild zum studieren.

Unvergesslich bleibt auch der morgendliche Ausblick von meinem Bett: 30 Meter vor mir arbeiten die ersten Wäscher am Ufer, auf dem träge dahinfliessenden Ganges rudern Boote die Stadt entlang und durch Nebelschwaden sehe ich am anderen Ufer die Sonne als dunkelrote Scheibe emporsteigen...

Auf dem Weg nach Khajuraho erkrankte ich. Wir mußten unsere Reise daher in Satna unterbrechen. Mein Freund brachte mich dort zur "besten Clinic"der 250.000 Einwohner Stadt: es war ein Arzt mit einer Helferin und draußen an der Tür stand in englisch: "Facharzt für allgem. Medizin, Handlesen und Horoskope". - Da ich über sechs Symptome klagte, bekam ich auch sechs Medikamente und ein Breitbandantibiotikum.

Mit zwei Tagen Verspätung erreichten wir per Bus Khajuraho. Die in diesem Dorf befindlichen Tempel stehen in ihrer Bedeutung gleich hinter dem Taj Mahal. Sie befinden sich in einzelnen parkähnlichen Grünanlagen und haben etwas Interessantes zu bieten: Steinmetze verwirklichten vor ca. 1000 Jahren sämtliche Beschreibungen des Kama Sutra; nämlich Liebesspiele, die der Phantasie freien Lauf lassen. Auch wenn die eigentliche Besichtigung an einem Tag erledigt war, so blieben wir an diesem einladenen Ort etwas länger.

Auf dem Weg nach Delhi stoppten wir in Fatehpur Sikri in der Nähe von Agra. Im sechszehnten Jahrhundert wurde sie als Hauptstadt des Moguln-Reiches auf der "grünen Wiese" erbaut, aber bereits 16 Jahre später wieder verlassen. Jetzt befindet sich an dieser Stelle eine sehr gut erhaltene "Geisterstadt". Diese bietet einen Einblick in die damalige Zeit und sollte bei einem Besuch von Agra keinesfalls versäumt werden.

Die letzten Tage verbrachten wir in Delhi. Jetzt wurde das Wetter, welches uns die ganze Zeit wohlgesonnen war, schlecht: Tagestemperaturen zwischen 5 und 15 Grad mit Nieselregen liessen uns an Deutschland denken.

Delhi ist mit seinen 10 Millionen Einwohner hinter Bombay (15 Mio) und Kalkutta (13 Mio) Indiens drittgrößte Stadt. Es ist gar nicht so einfach, sich bei einer solchen Größe zurecht zufinden und "mal eben zum Flugbüro" kann beschwerlich und zeitaufwendig sein. Nach einer Stadtrundfahrt hatten wir einen groben Eindruck gewonnen und konzentrierten uns auf den Bereich zwischen dem Roten Fort und dem Connaught Place. Dort waren wir nicht alleine: als Touristenzentrum von Delhi wimmelte es von Händlern, welche nur schwer davon zu überzeugen waren, daß wir kein Interesse an ihrer Ware haben. Wer hängt sich schon einen grossen Seidenteppich an die Wand?

Abends ab 10 Uhr wurden die Strassen leer. Übrig blieben die Heimatlosen. Darunter viele Straßenkinder ohne Eltern, ohne Wohnung, ohne Arbeit, ohne Schuhe, ohne Zukunft... Es war für mich überraschend, mit welcher Selbstverständlichkeit sie ihr Schicksal ertrugen. Wenn erstmal klar gestellt war, dass wir nichts kaufen wollten, hatten wir eine Menge Spaß beim gemeinsammen nächtlichen Umherstreunen durch die Stadt mit ihren Parkanlagen und breiten Strassen.

Die gesellschaftliche Einteilung nach Kasten ist in Indien trotz aller Bemühungen noch aktiv. Es gibt vier rangmässig geordnete Kasten und darunter die Kastenlosen bzw. Unberührbaren. Die Zugehörigkeit entscheidet über den Wert und die Zukunft eines Inders. Es ist unmöglich seiner angeborenen Kaste zu entfliehen. Alleine der Familienname gibt häufig schon Aufschluß über die Zugehörigkeit. Diese Einteilung von Menschen in verschiedenen Wertklassen ist für uns Außenstehende unmöglich nachzuvollziehen und bleibt wohl ein Geheimnis Indiens.

Das war alles?

Nein, denn zum einen könnte ich tagelang von dieser Reise erzählen. Viele Facetten mußten hier außen vor bleiben. Zum anderen haben wir auch nur einen klitzekleinen Teil von Indien gesehen. Wer im Atlas unserer Route folgt, wird es erkennen: Der Norden mit seinen Bergregionen (Kaschmir, Darjeeling etc.) ist eine eigene Reise in passender Jahreszeit wert. Das gleiche gilt für den viel größeren südlichen Teil (Madras, Goa, Tamil Nadu etc.). Aber einiges möchte ich noch erwähnen:

Mensa in Indien: Mit gerade mal 200 Mitgliedern ist Mensa in Indien deutlich unterrepräsentiert. Zwar hatte ich eine Adresse im Gepäck; ein Kontakt ist allerdings einem Kuhhandel mit meinem Freund zum Opfer gefallen. Sonst wäre vom Urlaub nicht mehr viel übrig geblieben. Ich werde beim nächsten Besuch aber bestimmt einen neuen Anlauf starten.

Computer in Indien: In jedem Dorf, jeder Stadt wimmelt es vor Reklame fuer Computerkurse, EDV-Unternehmen etc. Dabei sind Rechner bei Tageseinkommen um die 2 DM und Hardwarepreisen wie in Deutschland (oder hoeher: 5.25" DD Disk kostet 2-3 DM) unerschwinglich für Privatanwender. Ich habe mal eine solche Schule besucht und mir von anderen berichten lassen: in unseren Augen nur heisse Luft. Die PCs sind XT oder 286er, der Unterrichtsinhalt beschränkt sich meistens auf DOS fuer DAUs und wird bei horrenden Preisen fürchterlich in die Länge gezogen. Ich besuchte, woimmer vorhanden (Ausnahme Delhi), auch die Rechenzentren der Universitäten. Anfangs war ich fest davon ueberzeugt, hier einen Internetanschluss zu finden. Ich wurde immer auf einige Jahre vertröstet.

Zum Schluss noch zwei Rekorde: der längste Bahnsteig der Welt ist mit 833 m im Bahnhof von Kharagpur zu finden. Und am meisten regnete es in Cherrapunji. In einem Jahr fielen dort 26460 mm Niederschlag. Was ist Deutschland mit seinen 700 mm doch trocken!

Auch wenn ich mich wiederhole:

Indien ist umwerfend vielseitig, anstrengend fremdartig, verwirrend freundlich,... - Nein, ich gebe es auf; denn Indien ist eigentlich unbeschreibar! Es gibt ohnehin nicht DAS Indien sondern viele Indien!

Bernard Henter, Niederstr. 40, 47877 Willich, Tel 02154-6238, email info@henter.name