2000 Kosovo

Im Jahr 1999 war der Kosovo-Krieg ...der Krieg, der uns (unter diesem Namen) bekannt ist. Ein Jahr später im September war ich dort. Das Engagement der Soldaten für den Frieden und der Kampf der UNMIK-Leute gegen die UN-Bürokratie war beeindruckend.

Ich hatte viele private Gespräche mit Mitarbeitern der nachfolgend erwähnten Gruppen. Offenheit und Gastfreundschaft waren dabei prägend (lediglich die TMK in Prizren hatte für ein Gespräch leider keine Zeit). Entstanden ist dabei ein persönliches, unscharfes Bild: etwas verwirrend, aber vielleicht gerade deshalb zur Situation passend?

UNMIK

"Coca-Cola-Autos", so werden die rot-weissen Polizeiwagen bezeichnet, welche zusammen mit den Militärfahrzeugen der KFOR das Strassenbild im Kosovo bestimmen.

Am Ende des Krieges gab es keine Polizei. Die multinationalen Brigaden der KFOR übernahmen zunächst die wichtigsten Aufgaben in dieser rechtsfreien Zeit. Dann begann die "United Nation interim administration Mission in Kosovo" (UNMIK) mit dem Aufbau einer neuen Polizei: dem "Kosovo Police Service" (KPS).

Es wurden Gebäude hergerichtet, Fahrzeuge angeschafft und, je nach Nation, relativ erfahrene Polizisten aus allen 54 beteiligten Nationen entsandt. Diese bildeten die "United Nations civilian police" (CivPol) und erfüllen jetzt in Zusammenarbeit mit KFOR jeweils ihre Aufgaben.

Ist das schon schwierig und kaum zu bewältigen, wartet jedoch eine noch anspruchsvollere Aufgabe auf sie: sich selbst überflüssig machen, indem sie aus Kosovo-Bewohnern gute Polizisten machen, welche eines Tages die neue Polizei bilden.

Auf ehemalige Polizisten, welche 10 Jahre zuvor entlassen wurden, kann nicht zurückgegriffen werden, der Bildungsstand der Bewerber ist relativ niedrig und es gibt eine Auflage der UN: der UCK, ehemalige Armee aus Kosovo-Albanern, welche im Krieg auf Seite der NATO gegen die Serben gekämpft hat, wurde zugesichert, dass 50% der neuen Polizei aus ihren Mitglieder bestehen wird.

Diese Personen stehen häufig der UCK-Nachfolgeorganisation TMK nahe oder sind dort Mitglied. Ihr Denken ist geprägt vom Hass gegen die Serben und sie lassen sich als Freiheitskämpfer feiern. Also keine gute Ausgangslage für eine neutrale Polizei bzw. die Motivation ihrer Polizisten.

Ein anderes Problem ist die Ausbildung an sich. Nach einigen Wochen Theorie unter Leitung der OSCE werden die neuen KPSler zur praktischen Ausbildung auf die Wachen verteilt, wo sie von Trainern zunächst in Gruppen ausgebildet werden. Es gibt zwar einen festen Plan mit Abläufen und Themen, jedoch ohne konkreten Inhalt. So ist es an der Tagesordnung, dass z.B. ein US-amerikanischer Polizist den angehenden KPSlern Wissen vermittelt, welches im nächsten Lehrgang von einem vielleicht deutschen Polizisten in Frage gestellt wird. Und wenn die frischen Polizisten auf der Strasse ihre ersten Erfahrungen in der Praxis sammeln, hören sie unter Umständen von ihrem internationalen Betreuer: "Falsch, beides falsch, denn es geht so..."

So bekommt jeder KPSler seine eigene, sprich andere, Ausbildung. Dies läßt ihn orientierlungslos im Regen stehen, denn um solche Ermessensspielräume sinnvoll zu nutzen, ist eine lange Ausbildung, eine hohe Motivation und praktische Erfahrung notwendig.

Die materielle Ausstattung ist heute, über ein Jahr nach Kriegsende, noch im Aufbau. Vor kurzem kamen die ersten Laserpistolen zur Geschwindigkeitsüberwachung und dieser Tage sollen die ersten Alkoholtester eintreffen. Mit Pistolen sind alle ausgerüstet ...aber oft ohne Munition. So wird schonmal "unter der Hand" Munition aus anderen Quellen ausgeliehen. Und Anweisungen "von oben" oder Einladungen zur Fortbildung oder Konferenzen müßen tagelang in papierform ihren Weg aus dem fernen Pristina in die tiefe Provinz finden. Vernetzte Computer mit Lotus-Notes oder Internet sind zwar vorhanden, jedoch Mangelware.

Den tagtäglich größten Kampf bestreiten die UNMIK-Polizisten jedoch gegen die UN-Bürokratie. Erstickend umfangreich, quällend langsam und unflexibel stellt sie sich da. Und während eine Anweisung noch auf dem Postweg zum Empfänger ist, wird sie vielleicht schon im Hauptquartier widerrufen. Dabei scheint die UN nur aus kerngesunden Mitarbeitern zu bestehen. Anders ist es nicht zu verstehen, dass die UNMIK-Polizisten die komplette Ausgleichsfreizeit für ihre 7-Tage-Woche verwirken, wenn sie auch nur einen einzelnen Tag krank sind.

Die zugeteilten Aufgaben lassen manchen auch verzweifeln. So gräbt ein deutscher Polizist zur Spurensicherung Leichen aus Massengräbern aus. Wohlgemerkt, er gräbt nur, tagein, tagaus. Das ein anderer Deutscher einen US-Amerikaner mündlich auf seine Englischkenntnisse testen mußte, gehört dann schon eher zu den Kouriositäten. Kourios war auch, als ein US-Polizist bei seiner Bewerbung den schriftlichen Englisch-Test nicht bestand.

Ebenfalls ein Problem ist der dauernde Stellenwechsel (i.d.R. ohne Qualifikationsprüfung) und das zur Qualitätssicherung fehlende Controlling der Arbeit.

Auf diese Weise verpufft ein großer Teil der Bemühungen im Organisieren von Material, "Auslegen" von Vorschriften und sich Behaupten im Dschungel der Verwaltung.

Die Betroffenen sind realistisch. Sie sehen es locker und machen ihren Job so gut es geht. Wenn ihr Dasein in der Mission hilfreich ist und etwas bewirkt, dann ist es schön. Und wenn nicht? "Dann eben nicht."

Weltverbesserer, welche im "Geist der Völkergemeinschaft" missionieren wollen, finden sich zum Glück ohnehin nicht. "Wer sich hier zu sehr mit der Situation identifiziert, geht kaputt" ist auch die Meinung der UNMIK-Leute. Die offen genannten Beweggründe für eine Teilnahme an einer UN-Mission sind schnell aufgezählt: Geld, Abwechslung und manchmal die Karriere.

Gerade der Grund "Karriere" scheint bei deutschen Missionsteilnehmer ausgeprägt(er) zu sein. So klagen einheimische Mitarbeiter wie auch Polizisten anderer Nationen über Deutsche, welche zu ihrem vermeintlichen beruflichen Fortkommen (im höheren Dienst) anderen das Leben unnötig erschweren. Besonders beliebt ist dabei das Streuen von bösen Gerüchten.

All dies sind interne Schwierigkeiten. Hauptsache ist fast allen, daß das Ziel einer funktionierenden Polizei erreicht wird ...andere stellen dies jedoch in Frage. Hierbei sind zwar erste Erfolge zu verzeichnen, aber... "UNMIK als Polizei bekommt in manchen Bereichen nur das mit, was sie mitbekommen soll. Das Meiste regeln die Kosovo-Albaner unter sich. Und erst wenn deren Polizei (AdR: Untergrundpolzei, durch die TMK getragen) sagt, sie sollen zur internationalen gehen, dann kommen sie zu uns." gibt ein UNMIK-Mitarbeiter allerdings zu. Traditionelle Familienfehden mit Blutrache und die Bandenkrimminalität werden gerne so geregelt.

Ein eher harmloser Fall aus der Praxis: Nachbarn stapeln ihren Müll unter dem Wohnzimmerfenster des Betroffenen. Zunächst bittet er erfolglos, daß dies unterbleiben soll. Als er sich dann massiver beklagt, kommt ein anderer Nachbar und stellt sich vor ihm mit einem Messer in der Hand. Er sagt nichts, er droht nicht, er steht nur da mit dem Messer und wiegt es in der Hand. Dann geht er wieder, wortlos. "Das ist die Art, wo Du nix machen kannst." Aber vielleicht zur UNMIK gehen? "Viel zu gefährlich. Dieser Nachbar hat Kontakte zur TMK. Und dann bekäme ich 'Besuch'." wendet der Betroffene ein.

So wundert es nicht, daß gerade das organisierte Verbrechen fröhliche Urstände feiert. Plagiate von Musik und Software, Schmuggel, Schutzgelderpressungen etc. können häufig ungestört betrieben werden.

Trotz allem ist dies für viele UNMIK-Polizisten nicht ihre erste Mission. Denn es macht Spaß diese Erfahrung für's Leben zu sammeln. Die Zusammenarbeit mit Kollegen aus dutzenden Ländern, die vielfältigen Aufgaben und überhaupt: "Die Athmosphäre im Team! Wer sie erlebt hat, der kommt wieder." Ob in den Büros, im Einsatz oder beim gemeinsammen Abendessen: daß hier ein internationales Team aus Poinieren wirkt, ist selbst für Außenstehende deutlich spürbar.

Wird die Mission scheitern? Ist alles unnütz? - Nein, wirklich nicht, der Erfolg wird kommen. Es sind nur die politischen und organisatorischen Umstände, welche es so schwierig machen. Es ist noch ein langer und steiniger Weg; nichts für Leute, die schnelle Erfolge brauchen. "10 Jahre? Rechne lieber in Generationen und freue Dich wenn's schneller geht."

Wenn die UNMIK-Polizisten sich etwas wünschen könnten, was wäre dies? "Nun, den Einfluss der UCK, ähm, TMK brechen. Aber da blocken die Amis. Oder daß die französische KFOR nicht tatenlos zusieht, wenn unsere Autos in Mitrovica angesteckt werden. Die Franzosen sind einfach zu parteiisch, serbenfreundlich. Aber das ist alles Politik." - Wie wahr...

Bernard Henter, Niederstr. 40, 47877 Willich, Tel 02154-6238, email info@henter.name