2006 D, NL, B, F

Im September 2006 rollte ich per Inline-Skater von Willich (Niederrhein) zu unserer französischen Partnerstadt Linselles (bei Lille). Dazu gibt es zwei Texte: meine eigene Schilderung und die Pressemitteilung der Stadt Willich ...die unterschiedlichen Blickwinkel sind unübersehbar.

Mein GPS hat die Tour mit 1490 Wegpunkten aufgezeichnet. Hier die Daten als CSV-Datei und für OpenOffice Calc sowie Microsoft Excel.

 

Ein Sportmuffel versucht sich sportlich

Montag, 4. September 2006

Die neuesten Wetterberichte versprechen für die ganze Strecke trockenes Wetter für mindestens 7 Tage ...endlich, nach einem Monat Warten. Die Entscheidung fällt. Ich melde mich bei Familie, Bürgermeister und in der Fraktion für die nächsten zwei Wochen ab. Erst in der Nacht komme ich dazu meinen Rucksack zu packen. Nach einigem Rein und Raus schaffe ich 4,2 kg. Äußerst knapp, aber es muss reichen.

Dienstag, 5. September 2006

Um 9 Uhr ziehe ich meine Inline-Skater an und rolle los. Geld, Reisepass und eine Karte von Belgien sind das Grundgerüst. Mein GPS (ohne Karte/Routing) wird die Dokumentation übernehmen. Aus einer Schnappsidee ist nun Ernst geworden. Waren die zwei Monate Training ausreichend? Kann ich meine Kräfte angemessen aufteilen? Werde ich überall Hotels finden ...die mich auch dreckig und verschwitzt aufnehmen? Wird das Wetter halten? Alles Fragen ohne Antworten. Zur "großen" Mittagspause bin ich bereits in Roermond (Niederlande). Die ersten ca. 10% sind geschafft. Fast ohne Gepäck, ohne feste Route und ohne gebuchte Unterkünfte rolle ich weiter Richtung Frankreich. Ich komme mir dabei etwas nackt vor. Gegen 16 Uhr lassen meine Kräfte nach. In einem guten Restaurant in Echt finde ich Unterkunft für die Nacht. Der erste Tag ist gut gelaufen: 58 km, keine Konditionsprobleme, keine Blessuren, Unterkunft gefunden, lecker gegessen ...ich bin mit mir und der Welt zufrieden.
51° 6' N, 5° 53' O

Mittwoch, 6. September 2006

Die hiesige Brücke über die Maas ist gesperrt. Ich muss einen Ort zurück rollen und dort eine Fußgängerfähre suchen. Dann bin ich in Belgien. Der Strassenbelag ist nun grob, Radwege nicht vorhanden oder sehr schlecht. Das Rollen wird anstrengend. Mittags bin ich erst in Maaseik. Als ich gegen 16 Uhr bei Houthalen an einem Motel vorbei komme, schmerzen die Sprunggelenke und ich habe vom Rucksack Scheuerstellen am Rücken. Schluss für heute. Tagesstrecke 52 km.
51° 2' N, 5° 23' O

Donnerstag, 7. September 2006

Für einen einzelnen Gast öffnet man wohl morgens kein Motel. Daher geht's bereits vor 9 Uhr ohne Frühstück weiter. Die Landschaft wird hügelig; etwas, dass ich vorher nicht trainiert hatte, aber es klappt. Der grobe Strassenbelag bzw. die schlechten Radwege halten dagegen an, sie bremsen mich aus, die Sprunggelenke schmerzen und ich muß öfters Pause machen. Am Mittag fallen einzelne Regentropfen, die jedoch keine Pause erfordern. Am Nachmittag frage ich in Tremelo nach einen Hotel o.ä., aber man verweist mich an das entfernte Brüssel. Im nächsten Ort erhalte ich die gleiche Auskunft. Und so geht es weiter. Erst in Mechelen finde ich einen Platz zum Schlafen. Die letzten 2 km gehe ich zu Fuß: die schöne Innenstadt ist komplett aus Kopfsteinpflaster. Es ist fast 20 Uhr, ich bin geschafft ...nach 79 km.
51° 1' N, 4° 29' O

Freitag, 8. September 2006

Ich werde nun berücksichtigen müssen, dass es fast nur in größeren Orten Hotels gibt. So rolle ich gegen 10 Uhr weiter ...um mich gleich zu "verrollen". Ein Umweg von 10 km sind für Autofahrer nicht der Rede wert, aber als Inliner sieht man's anders: Mit Karte durch unbekanntes Gebiet, hügeliger Verlauf und die vielen kleinen Pausen zum Trinken (über 5 Liter/Tag) senken die effektive Geschwindigkeit auf unter 10 km/h (reine Rollgeschwindkeit ca. 15-20 km/h). Ein zunehmendes Problem ist die grobe/rauhe Oberfläche von Strassen und Wegen. Meine nässenden Scheuerstellen am Rücken, die Blasen an den Füßen, die blutige Druckstelle oberhalb des Knöchels... ich spüre all dies nicht. Aber bei jeder kleinen Unebenheit, jeden Stein, jeder Kante könnte ich schreien: der Schmerz in den Sprunggelenken ist fast unerträglich. Um 16 Uhr finde ich ein Zimmer am Bahnhof von Aalst. Ich setzte mich auf's Bett und weine erstmal um all den aufgestauten Schmerz zu verarbeiten. Dann schicke ich unserem Bürgermeister per SMS wie jeden Tag meine Position und heute auch die geschätzte Ankunft in Frankreich: Montag. Abends entschädige ich mich mit einem leckeren Essen. Heute geschafft: 50 km.
50° 57' N, 4° 2' O

Samstag, 9. September 2006

Die Quälerei geht weiter. Aber Kilometer für Kilometer komme ich meinem Ziel näher. Aus persönlichen Gründen aufgeben gilt nicht! War das stundenlange alleinige Dahinrollen der ersten Tage mit etlichen Gedanken gefüllt, so herrscht jetzt nur noch dumpfe Leere im Kopf. Zwischendurch scheucht mich die Polizei von der schlechten Straße auf den noch schlechteren Radweg. Es fällt mir schwer freundlich zu bleiben. Um 14 Uhr bin ich in Oudenaarde und nehme Quartier sowie ein ausgedehntes heißes Bad. Zurückgelegte Strecke nur 33 km.
50° 61' N, 3° 36' O

Sonntag, 10. September 2006

Neue Schätzung: Ankunft am Montag gegen Mittag. SMS-Antwort von unserem Bürgermeister: im Rathaus werde ich erwartet. - Um 10 Uhr geht's weiter. Mein Ziel kommt jetzt schnell näher, meine Laune steigt. Der Schmerz ist leichter zu ertragen. Als ich Mouscron an der französischen Grenze durchrolle, durchrollt auch eine Welle Endorphine meinen Körper: das Gefühl von Leichtigkeit, der Glückszustand ist unbeschreiblich! Ich könnte jetzt bis an's Ende der Welt skaten, zumindest bis zu unserer französischen Partnerstadt Linselles. Da ich jedoch erst für Montag angekündigt bin, stoppe ich um 14 Uhr und übernachte in Neuville (Frankreich). Tagesleistung 41 km.
50° 46' N, 3° 9' O

Montag, 11. September 2006

Die letzten 10 km lege ich gemütlich in einer Stunde zurück und erreiche um 11 Uhr Linselles. Damit habe ich mein Ziel erreicht: zum 40 jährigen Jubiläum unserer Städtepartnerschaft etwas Besonderes beizusteuern. Unsere offiziellen Termine mit Reden, Buffet, Gottesdienst etc. waren mir zu wenig. Weil Linselles erst vor 20 Stunden erfuhr, was da auf sie zugerollt kommt, herrscht nun betriebsame Hektik: während ich in einer Turnhalle duschen kann, wird eilig eine Pressekonferenz angesetzt, Geschenke zusammengestellt, eine Übernachtung für mich organisiert, eine deutsch sprechende Ratsfrau stellt sich zur Verfügung (ich spreche kein Französisch), ein Nachmittagsprogramm vorgeschlagen usw. Die Gastfreundschaft ist umwerfend herzlich, offen und umfassend ...die Beschreibung würde einen eigenen Beitrag ergeben.
50° 44' N, 3° 5' O

Dienstag, 12. September 2006

Meine Gastgeber haben es sich nicht nehmen lassen, mir die Rückfahrt zu bezahlen. So komme ich in den erstmaligen Genuss der Züge Eurostar und Thalys. Ab Mönchengladbach ziehe ich meine Inliner wieder an, rolle zum Schloss Neersen und erstatte Bericht. - Wieder Zuhause!

 


Auf Inlineskates nach Linselles
Ratsmitglied Henter: 323 Kilometer zum Partnerschafts-Geburtstag

STADT WILLICH. Geschafft, aber begeistert von der Gastfreundschaft in Frankreich kehrte jetzt CDU-Ratsmitglied Bernard Henter direkt vom Zug aus Mönchengladbach bei Bürgermeister Josef Heyes im Schloss Neersen ein, um herzliche Grüße aus Linselles zu überbringen: Henter hatte sich in Blick auf das Partnerschafts-Jubiläumsjahr am 5. September mit Inlineskatern auf den 323 Kilometer langen Weg gemacht. "Ich wollte mit dieser Aktion meinen besonderen Beitrag zur 40-jährigen Jumelagefeier leisten", so der sportliche Ratsherr. Über Holland und Belgien erreichte er am 11. September Linselles, wo ihm von Bürgermeister Jacques Remory, Stellvertreterin Christiane Dumont, Stadtdirektorin Veronique Glay und der Beauftragten für Städtepartnerschaft, Martine Callebert, ein herzlicher Empfang bereitet wurde. Glücklicher Zufall: Der Fußballclub, so berichtet Henter, hatte am Mittag zu "Muscheln und Pommes frites" im Festsaal eingeladen, die Verantwortlichen der Stadt und die Ratsmitglieder waren eingeladen - und so konnte sich auch Henter gleich stärken und die Glückwünsche zu seiner Leistung entgegennehmen. Später wurde er zu einer Besichtigungsrundfahrt in Lille eingeladen und auch für Kost und Logie wurde bestens gesorgt. Henter: "Die Fürsorge ging sogar soweit, dass man mir das Zugticket für die Rückfahrt nach Willich geschenkt hat."


Der sportliche Henter zeigt Bürgermeister Josef Heyes und dessen persönlichen Referenten Manfred Jacobs (links), welchen Weg er auf Skates zurückgelegt hat.

Bernard Henter, Niederstr. 40, 47877 Willich, Tel 02154-6238, email info@henter.name